Wenn Kontakt zur Ausnahme wird...
Über Rituale und Beziehung im digitalen Alltag – Gedanken rund um Weihnachten
“Ich konnte dir nicht frohe Weihnachten wünschen, weil Du bist ja nicht auf WhatsApp.” Dies, berichtete mir eine Freundin in unserem weihnachtlichen Telefonat, habe ihr ihre langjährige Freundin mitgeteilt. Man muss hinzufügen, dass wir uns in der Generation 70+ bewegen, also keine Gen Z, die angeblich nicht mehr weiß, was ein Telefonhörer ist. Wir telefonierten dann fast zwei Stunden und es fühlte sich so gut an, dass ich mich danach – trotz der nicht immer erfreulichen Inhalte – energetisiert und lebendig fühlte.
Dieser Satz beschäftigte mich dann allerdings, weil er in einen größeren Wahrnehmungskontext passt. Wir haben, im Vergleich zu früher, mit unterschiedlichsten Messengerdiensten und Direct Messages auf den sozialen Netzwerken, unzählige Möglichkeiten in Kontakt zu treten. Gleichzeitig ist die Mailflut kaum mehr zu bewältigen, herkömmliche SMS werden scheinbar nicht mehr gelesen, und die Mailbox vermodert wie ein ungenutzter Raum, weil man auch nicht mehr anruft - man schickt Sprachnachrichten. Mit der Sprachnachricht wird der Schritt eines Versuchs der direkten Kontaktaufnahme gewollt umgangen.
Zwischen den Jahren – eine andere Zeitqualität
Die Zeit rund um Weihnachten steht für mich, aus meiner persönlichen Erfahrung, für eben diese direkte Kontaktaufnahme. Vermehrt auch mit mir selbst, aber vor allem mit wichtigen und lieben Menschen. Von der Weihnachtskarte, über ein Mail bis zum Telefonat. Gleichzeitig bemerke ich schon auch, dass es mir nach einem anstrengenden Jahr schwer fällt, dafür die innere Ruhe aufzubringen – man will die Karte schön gestalten, die passenden Worte finden, das Telefonat nicht irgendwo hineinpressen. Doch genau darin liegt vielleicht die Botschaft: Es geht um die Wertschätzung – der Beziehung, der gemeinsamen Erlebnisse oder schlicht um echtes Interesse Interesse am Gegenüber.
Ich erinnerte mich an eine Episode aus meiner Kindheit. In den 70er und 80er Jahren wurde bei uns zu Hause nach der weihnachtlichen Bescherung telefoniert. Mit dem Festnetz rief man bei Verwandten im In- und Ausland an. Man wünschte sich ein Frohes Fest, fragte die wichtigsten Dinge ab und der Hörer ging über die Generationen reihum, sodass sich alle mal gehört hatten.
An den folgenden Feiertagen ging ich mit meinen Eltern ‚Baum schauen‘ bzw. Freunde und Nachbarn kamen zu uns ‚Baum schauen‘, Der Christbaum war dabei natürlich nur der Anlass um bei Keksen, Tee, Wein und Snacks zusammen zu sitzen und zu plaudern. Heute klingt das alles für mich jetzt wie aus einem anderen Leben.
Viel teilen – ohne den anderen zu erreichen
Heute schickt man die Baumfotos mit one-fits-all-Text und Emojis über WhatsApp. Und wer sich heute sehen möchte, muss entweder sehr spontan und kurzfristig verfügbar sein, oder einen so langen Atem haben – bis die letzte Nadel den Weihnachtsbaum verlassen hat.
Es ist wohl ein Zeitphänomen, dass wir über unzählige technischen Mittel verfügen, die uns das Leben eigentlich erleichtern sollten – auch um in Verbindung zu bleiben – wir aber dennoch weniger Zeit haben und uns mehr unter Druck fühlen. Wurde uns mit der technische Innovation nicht etwas ganz anders versprochen?
Die sozialen Netzwerke werden jedenfalls, trotz aller Zeitknappheit, intensiv genützt und bespielt: festlich geschmückte Bäume und volle Tische. Die Oberfläche funktioniert. Die Tiefe geht verloren.
Ein Pfarrer beschrieb die Herkunft des Wortes ‚Fest‘, als etwas, meist ein Ereignis, woran sich unsere Seelen festhalten können. Brauchen wir Menschen momentan nicht genau das: etwas, das uns Halt gibt? Ereignisse, Rituale, Beziehungen?
Feste als Anker: was uns Sicherheit geben kann
Gespräche, wie jenes mit meiner Freundin, sind genau so etwas das Halt gibt. Die Beziehung, das ehrliche Interesse eines anderen Menschens an meinem Leben, gibt die Gespräche hallen nach, in stillen Momenten kommen Sätze zurück und zeigen sich auch nochmal anders. Manche begleiten und sind dann wie ein Anker, ein Geländer nach dem man greifen kann.
Der Mensch ist ein Beziehungswesen – daran sei gerade in diesen Tagen einmal mehr erinnert: die Beziehung zu sich selbst, Bezug nehmen auf das Selbst anstelle von immer mehr Ablenkung im Außen oder mehr Arbeit. Beziehung zum Gegenüber - um auch hier wieder etwas über sich zu erfahren, kurz in die Welt des anderen einzutauchen und durch diesen Austausch ein kleines feines Energiefeld aus ehrlichem Interesse entstehen zu lassen.